Oberhalb von Porto Moniz ‒ ganz im Norden von Madeira – liegt das Tal der Ribera da Janela, das bis tief in die Berge hineinreicht. Auf einer Höhe von etwa 400 Metern läuft einer der typischen Bewässerungskanäle entlang, die die ganze Insel durchziehen: die Levada da Ribera da Janela. Etwa drei Stunden brauchen wir für die insgesamt ca. 14 Kilometer lange Genusswanderung mit nur etwa +/-40 Höhenmetern, die uns durch Madeiras längste Schlucht führt.

Los geht unser Weg in Lamaceiros

Zugegeben: Ich bin ja eher von der modern-konservativen Sorte, was Anfahrten zu mir unbekannten Zielen angeht. Und schon dreimal, wenn ich alleine mit einem Mietwagen im Ausland unterwegs bin. Deswegen bin ich ganz froh, dass mein Navi uns punktgenau am Parkplatz vor der Levada ausspuckt. (Natürlich gibt es auch jede Menge Schilder, die in Richtung Levada da Ribera da Janela zeigen. Abenteurer, Kartenfreunde und Old-School-Orientierer haben daher sicherlich eine Menge Spaß beim Suchen und Finden.)

Neu hier? Uns, fragst Du Dich? Ja, ich hab da so eine Angewohnheit: Ich beziehe Dich als meinen Leser gerne mit in meine Abenteuer ein. Dir ist das zu direkt? Na, dann lerne mich doch erstmal kennen – und entscheide dann, ob Du wirklich mit mir loswandern möchtest. Für alle anderen: Wir parken jetzt erstmal und dann kann es losgehen.

Der Parkplatz ist kaum zu übersehen. Ich ziehe den Schlüssel aus dem Zündschloss und schon bevor ich aus meinem grauen Peugeot aussteige, fällt der Blick auf die Levada: von einem Holzgeländer gesäumt fließt sie mitten durch einen wunderschön bepflanzten Picknickbereich.

Rastplatz Ribeira da Janela mit Levada und kleinem Steinhäuschen

Dieser Rastplatz ist nur komplett mit Grillplatz und – ganz großes Kino – wunderbar sauberen öffentlichen Toiletten (etwas, was Du auf Madeira übrigens überall findest). All diese modernen Errungenschaften sind in malerischen Häuschen aus Naturstein aufgeräumt, die perfekt in die Landschaft passen. Findest Du nicht auch?

Leva-was? Madeira, seine Levadas und die Levaderos

Ich hole ein wenig aus und erzähle Dir von den Levadas, die für Madeira so wichtig waren und es noch immer sind. Bereits im 15. Jahrhundert ‒ nicht lange nach der Entdeckung Madeiras – schufen Sklaven die ersten dieser Bewässerungskanäle. Die Levadas waren damals wichtig, um die vielen Zuckerrohrplantagen auf der Insel bewässern zu können. Noch heute führen die Levadas Quellwasser aus den Bergen bis zu den Feldern, sind für die Landwirtschaft unersetzbar und werden sogar ‒ wie die Levada da Ribeira da Janela ‒ zur Stromgewinnung genutzt.

Warum ich das erzähle? Entlang der Levadas führen schmale Wege, um diese Kanäle instand zu halten. Und auf denen lässt es sich ganz vorzüglich wandern.

Herren der Levadas sind die sogenannten Levaderos. Ihr Job: die Levadas intakt zu halten und dafür zu sorgen, dass jedes der angrenzenden Felder ausreichend bewässert wird. Dafür sind sie jeden Tag an „ihrer“ jeweiligen Levada unterwegs, fischen Laub, Äste oder gar Felsbrocken aus den Kanälen, reparieren und bauen.

Blick von oben in eine Levada
Ein Steinbrocken ist in die Levada gefallen. Ein Job für die Levaderos?

Ihre Rechen und Werkzeuge stehen daher in regelmäßigen Abständen in Felsnischen oder kleinen Hütten entlang der Levada.

Wandern auf der Levada da Ribera da Janela

Ich bin ein klein wenig aufgeregt, als ich die ersten Meter auf der Levada da Ribera da Janela laufe. Meine allererste Levada! Doch die Aufregung legt sich zum Glück schnell. Erstens bist Du ja bei mir. Zweitens ist es einfach so herrlich, draußen an der frischen Luft zu sein, dass ich schnell abgelenkt bin. Wir schreiten kräftig aus auf dem Weg, der zunächst relativ breit losgeht und aus rotem, flachem Lehmboden besteht.

Wir folgen der Levada, die uns am Anfang erstmal an zwei Picknickplätzen und mehreren Bänken vorbeiführt. Ich bin total beglückt darüber,

  • wie leicht der Weg zu begehen ist.
  • dass man sich unmöglich verlaufen kann, weil man ja immer der Levada folgt.
  • und wie fantastisch die Ausblicke sind, die sich uns über das Tal der Ribera da Janela bis hinunter an den Atlantik bieten.

Nach vielleicht einem Kilometer verengt sich der Pfad dann und wir laufen ab hier hintereinander.

levada da central da ribeira da janela
Zur Schlucht hin ist der Wanderweg durch dünne Stahlseile durchgehend leicht abgesichert.

Die Levadawanderung durchs Tal Ribeira da Janela ist abwechslungsreich: mal führt sie durch Lorbeerwälder,

dann wieder öffnet sich der Blick in die sattgrüne Schlucht.

Mal ist der Pfad felsig,

mal von Pflanzenpracht bewachsen,

mal etwas feucht von oben her – meine Haare kräuseln sich vor Freude – geht es weiter und weiter und weiter.

Ein etwas abruptes Ende

Unterwegs begegnen uns drei Männer in grauer Uniform mit Rucksäcken, die leicht knurrig „óla“ sagen und an uns vorbeilaufen, als wir ihnen Platz gemacht haben. Mein Hirn im Ferienmodus sagt mir erst zu spät: „Moment mal, das waren doch Levaderos. Wieso eigentlich gleich drei Stück?“ und schieße noch schnell ein Foto hinter ihrem Rücken.

Drei Levaderos

Nach etwa 1,5 h stehen wir vor dem ersten Tunnel (ja, Levadas führen auch mal durch Tunnel). Und ich bin gut vorbereitet: wasserfeste Wanderschuhe, einen Knirps (falls Wasser von oben tropft) und ein Handy mit Taschenlampe. Ich gucke rein – und verstehe auf einmal richtig schön bildlich, was „das Licht am Ende des Tunnels“ bedeutet. Also Lampe an, rin mit uns und im Stockfinsteren auf dem schmalen Weg entlanggewackelt.

Tunnel Madeira
Tunnelausgang einer Levada

Am Ende kommen wir raus ins Licht. Es soll uns ein Wasserfall erwarten. (Auch daher der Schirm.) Der hat wohl nur grade Trockenzeit. Und is daher nicht. Dafür gibt es viel grünes Grün.

Dann die nächste Überraschung: Der zweite der vier Tunnel auf dem Levada-Wanderweg ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Deswegen also die drei Levaderos!

Nunja, ich freue mich, dass uns die Entscheidung abgenommen worden ist, wie weit wir die Levada da Ribeira da Janela eigentlich noch weitergehen möchten – und drehen um.

Rückweg auf der Levada da Ribeira da Janela

Ich mag beim Wandern ja gerne Rundwege: mehr Abwechslung, man sieht immer Neues und so weiter. Doch ehrlich gesagt gefällt mir der Perspektivwechsel auf dem Rückweg dieser Levadawanderung ziemlich gut: ohne Fotos zu machen hat man auf einmal die Augen frei. Jede Ecke wirkt ein wenig anders und man entdeckt Dinge, Strukturen, Blumen und Pflanzen, die (zumindest mir) auf dem Herweg nicht aufgefallen waren.

Und guck mal, wem wir kurz vor dem Ziel nochmal begegnen. Auch Levaderos brauchen wohl mal ein Päuschen. Die waren nämlich auf dem Rückweg noch fleißig und haben einiges an Laub aus der Levada da Riberia da Janela rausgefischt.

Als wir nach knapp 3 Stunden Wanderung wieder bei den schönen Steinhäuschen ankommen bin ich happy, ein klein wenig platt und besonders erfreut darüber, dass mein Knie nicht muckelt (es mag nämlich kein Gefälle und deswegen haben wir ihm heute einen Gefallen getan).

Als ich den Peugeot anwerfe scheint unten im Tal die Sonne und wir düsen gemeinsam von der Levada da Riberia da Janela hinunter ans Meer nach Porto Moniz. Ein erfrischendes Bad in den Meeresschwimmbecken lockt!