Hoch oben über Ponta do Sol bewässerten einst die Levada do Moinho und die Levada Nova ausgedehnte Zuckerrohrplantagen. Heute bieten sie Genusswanderern die rare Möglichkeit, eine Levadawanderung auf gleich zwei ganz unterschiedlichen Levadas zu erleben. Mit ca. 3 Stunden Gehzeit und etwa 110 Höhenmetern spazieren wir entspannt in den Sonnenuntergang – mit kleinen Hindernissen.

Einstieg in Lombada do Ponta do Sol

Hoch und höher schraubt sich die gleichzeitig immer schmäler werdende Straße über dem Tal der Ribeira do Ponta do Sol im Südwesten von Madeira hoch nach Lombada do Ponta do Sol. Der Mietwagen schnauft im dritten, zweiten und schließlich im ersten Gang. Schön, dass Du mitgekommen bist und wir gemeinsam den vielen lachsfarbenen Schildern folgen, die in Richtung Levada do Moinho und Levada Nova zeigen.

Natürlich verpassen wir gleich einmal die korrekte Ausfahrt und damit den korrekten Parkplatz zwischen dem Herrenhaus Solar dos Esmeraldos und der Kirche von Lombada, den ich Dir jedoch wärmstens ans Herz legen kann. (Inklusive sauberer Toilette, welch Luxus!) Schließlich kannst DU vor dem Loswandern meinen Blog lesen, um den richtigen Ausgangspunkt für Deine Levadawanderung zu wählen – und ich nicht.

Nachdem die Wanderung entlang der beiden Levadas jedoch eine Rundwanderung ist – juhu! – spielt der Ausgangspunkt nur eine untergeordnete Rolle. Und so können wir trotz allem gemeinsam Wandern. Auf gehts!

Entlang der Levada Nova

Die Levada Nova ist – ihr Name verrät es schon – einer der neueren Bewässerungskanäle auf der Insel: Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Levada angelegt, die über 40 Kilometer von Ribeira Brava im Süden bis nach Ponta do Pargo ganz im Osten von Madeira führt.

Wir parken unser Auto genau vor dem Einstieg in die Levada Nova und folgen ihr wenige Meter durch Zuckerrohrfelder und dörfliche Häuser, bis sie auf einer Höhe von etwa 400 Metern hinaus in die Schlucht der Ribeira do Ponta do Sol führt.

Die Levada Nova ist völlig anders, als die anderen Levadas, die ich bisher bewandern durfte. Sie führt aktuell kein Wasser, nur an manchen Stellen steht ein wenig (mehr) Regenwasser. Doch alle ihre Schleusen stehen offen und auf Durchzug.

Dazu kommt, dass wir den gesamten Weg über auf der betonierten Einfassung der Levada wandern können. Das bedeutet: kein Matsch, kein Waldboden, keine Umknickgefahr für zarte Knöchel. Dem zügig Ausschreiten steht also nichts im Weg – außer die unfassbar traumhafte Aussicht hinunter zum Meer und hinein in die grün-bewachsene Schlucht.

Etwa 30 Meter unterhalb, parallel zu unserer Levada, sehen wir beim Laufen immer wieder die Levada do Moinho aufblitzen.

Durch den Tunnel zum Wasserfall

Eine gute Levada braucht einen Tunnel und die Levada Nova liefert ihn brav: Dieser Levadatunnel hat einen angenehm breiten Fussweg, den wir trockenen Fußes mit der Handy-Taschenlampe zügig durchschreiten. (Fies, dass ich den Witz mit dem Licht am Ende des Tunnels schon gebracht habe…)

Feucht wird es erst am anderen Ende: hier sprudelt ein beeindruckender Wasserfall bestimmt 15 Meter oder mehr aus dem Felsen heraus in die Tiefe. Und die Levada führt direkt hinter dem Wasserfall vorbei, was für spektakuläre Ausblicke sorgt. Wow! Gut, dass es die letzten Tage ordentlich geregnet hat!

Neue Levada, neue Welt: Rückweg auf der Levada do Moinho

Nach etwa 1:15 Stunden Wanderung (zugegeben: maximal 50 Minuten davon waren Wanderung, den Rest sind wir beide einträchtig staunend und fotografierend dagestanden) erreichen wir eine Treppe, die links vielleicht 30 Meter hinunter zur Levada do Moinho führt.

Unten angekommen machen wir beide einen Abstecher, der nach rechts durch das Flussbett der Ribeira do Ponta do Sol führt. Laut Wanderführer geht es hier angeblich zu einem weiteren Wasserfall. Sagen wir so: Der Weg durch den Fluss war definitiv abenteuerlicher als der funzelige Wasserfall, den wir erstmal länger gesucht haben. Daher kann ich Dir zwar von diesem Umweg berichten, ihn Dir jedoch nicht unbedingt empfehlen. Es sei denn, Du spielst gerne Super Mario und hüpfst über schlüpfrige Steine durch sprudelnde Bachbetten… Dann solltest Du diesen Abstecher ganz dringend unternehmen!

Auf der Levada do Moinho tauchen wir in eine grün-bewaldete, von Fauna überwucherte Welt ein. Fast fühlt man sich wie in einem Märchen: die Stimmung irgendwo zwischen verwunschen und verzaubert, zunehmend in ein weiches Abendlicht getaucht. Die Esplanada, so heißt der Pfad der entlang der Levada führt, besteht hier aus festgetretener, roter Erde. Die Levada do Moinho selbst ist schmaler und flacher, als die Levada Nova und führt tatsächlich größtenteils Wasser.

Von überhängenden Felsen tropft es uns hier und da auf den Kopf, so dass ich meine Kapuze überziehe und das Handy wegpacke – zumindest kurzfristig. Denn das Meer taucht langsam wieder am Ende der Schlucht auf und die Motive wirken immer mehr wie gemalt.

Levadawanderung mit Hindernissen

Es wird also malerisch, malerischer, am malerischsten… Meiner Entzückung sind kaum Grenzen gesetzt und auch Du kannst Dein Handy nicht in der Tasche behalten und knipst fleißig drauflos. Zumindest bis wir ziemlich abrupt stoppen, weil der Weg hier endet: Ein Erdrutsch hat tatsächlich die gesamte Breite des Pfades mit Felsbrocken, Erde und dickem Dornengestrüpp verschüttet.

Ratlos gucken wir uns an. Den gesamten Weg zurücklaufen? Und das 45 Minuten vor Sonnenuntergang? Keine so gute Idee! Also was tun?

Ich raffe meine 12 Jahre Klettererfahrung zusammen und wir hangeln uns nacheinander am halbwegs stabilen Drahtseil der Wegbefestigung entlang. Achtung, Dornen verhaken sich gerne mal an den unpassendsten Stellen! Heil am anderen Ende angekommen klatschen wir uns erleichtert ab und wandern entspannt weiter in Richtung Lombada do Ponta do Sol, Kirche und Sonnenuntergang.

Als wir an der Kirche von Lombada da Ponta do Sol ankommen, finden wir folgende Absperrung mit dem Hinweis, dass der Levadaweg wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Nuja, hinterher ist frau ja immer schlauer…

Ein Blick auf das alte Herrenhaus Solar dos Esmeraldos, in dem heute eine Schule untergebracht ist und hinter dem langsam die Sonne leuchtend gelb im Meer versinkt, macht die Levadawanderung auf der Levada do Moinho perfekt.

Und als wir den Berg nach oben zum Auto hinaufschnaufen – irgendwo müssen die 110 Höhenmeter ja herkommen – entschädigt uns ein zauberhafter Sonnenuntergang hoch über Ponta do Sol.

Das agrare Erbe von Madeira

Was uns beide die gesamte Levadawanderung über beschäftigt, sind die unzählig vielen Terrassen an den Berghängen. Diese sind seit der Wiederentdeckung von Madeira im Jahr 1419 alle von Menschenhand am Hang angelegt worden. Denn ebene Flächen sind hier auf der Insel Mangelware, Ackerbau am Steilhang ist auch irgendwie schwierig und von irgendwas will der Mensch ja am Ende des Tages herunterbeißen.

Klar, viele der Terrassen werden heute nicht mehr bewirtschaftet. Doch gerade dort, wo heute noch Menschen wohnen, werden auch noch die kleinsten Felder bestellt. Mit Kartoffeln, Süßkartoffeln, Zwiebeln, Chayote, Grünkohl, Maracuja, Paprika und und und. Was der Mensch halt so zum Leben braucht.

Kurz: Man merkt, dass die Madeirer kein reiches Volk sind und das Selbstversorgertum zu ihrem Alltag dazugehört. Oftmals inklusive einer Kuh im Garten. Warum denn auch nicht? 😉

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